Heute schickte mir die Agentur ausführliche Informationen über meine Unterbringung im Wohnheim, darunter auch Angaben zu einer App, die ich herunterladen, registrieren und auf der ich mich anmelden musste.
Ein kleines Detail fand ich ziemlich interessant. Der Unterkunftsanbieter verwaltet gleichzeitig zahlreiche Gebäude. Auf der Rechnung stand zwar der Name des Hauses, in dem ich wohnen würde, und auch die Registrierungsanleitung war bereits mit Angaben wie meiner Vertragsnummer und meinem Anmeldecode personalisiert,
doch in keinem einzigen offiziellen Dokument, das ich erhalten hatte, war die genaue Adresse des Wohnheims angegeben.
Deshalb musste ich im Internet nach der öffentlich verzeichneten Adresse suchen. Andernfalls hätte ich nicht einmal gewusst, was ich bei Visit Japan Web als Einreiseinformation eintragen sollte.
Das war wirklich eine eigentümliche Angelegenheit.
Nebenbei suchte ich auch nach Einrichtungen und Verbänden in Osaka, bei denen ich Iaido üben könnte.
Eines muss man Japan lassen: Bei der Aufbereitung von Informationen ist das Land ausgesprochen gründlich. Selbst die Webseiten der Kendo- und Iaido-Verbände enthalten sehr vollständige Angaben zu ihrer Organisation und zu den Dojos. Wer mit der japanischen Verwaltungsgliederung vertraut ist, findet Kontaktmöglichkeiten und Trainingszeiten auf einen Blick.
Ich sah mir die Webseite des Iaido-Verbands an, der meinem Wohnheim am nächsten lag. Dort wurden Anfänger herzlich willkommen geheißen, zugleich stand dort jedoch auch, dass man sein Schwert selbst kaufen müsse.
Wie sollte ausgerechnet ich als Ausländerin, die nur drei Monate blieb, vor Ort ein Schwert kaufen…
Zugleich machte mir die Sprache ein wenig Sorgen. Die Meister würden vermutlich auf Japanisch unterrichten. Würde jemand wie ich, die beinahe kein Japanisch sprach, wirklich aufgenommen und zum Training zugelassen werden?
Statt mir allzu viele Sorgen zu machen, sollte ich lieber eine Nachricht schreiben und nachfragen. So dachte ich damals.
In der Woche zuvor hatte ich allerdings zahlreichen japanischen Unternehmen Anfragen zu einer möglichen Zusammenarbeit geschickt, und Antworten waren äußerst spärlich geblieben. Von dreiunddreißig Nachrichten waren bislang nur drei beantwortet worden: zwei Absagen und eine positive Rückmeldung.
Nachdem ich auf diese positive Nachricht geantwortet hatte, ließ jedoch auch dieses Unternehmen nichts mehr von sich hören.
Um bei japanischen Empfängern die Abwehr gegen englischsprachige E-Mails etwas zu mindern, ließ ich die KI zunächst sämtliche Entwürfe auf Chinesisch verfassen. Nachdem ich sie selbst geprüft hatte, ließ ich sie von der KI ins Japanische übersetzen. Dennoch war mein Eindruck von japanischen Einrichtungen und Unternehmen früher wie heute stets derselbe: Meistens entschieden sie sich für Schweigen.
Wie lautet also das geheime Kennwort, das einer japanischen Geschäfts-E-Mail den Weg durch die Schranke öffnet? Ob ich dieses Rätsel wohl noch zu meinen Lebzeiten lösen werde?
In den vergangenen Tagen suchte ich, wann immer ich Zeit hatte, auf YouTube auch nach Videos, in denen über Japans jüngste Visapolitik geklagt wurde. Ich wollte hören, wie in Japan lebende Chinesinnen und Chinesen die strengeren neuen Regeln beurteilten.
Selbst eine japanische Onlinebekannte, die ich seit vielen Jahren kannte, mit der ich aber nur gelegentlich Kontakt hatte, reagierte knapp, als sie hörte, dass ich nach Japan gehen würde. Die japanische Regierung heiße Ausländer gegenwärtig keineswegs willkommen, sagte sie, und sie bedauere das sehr.
Da ich nie wirklich Teil der japanischen Gesellschaft gewesen bin, fällt es mir allerdings schwer, die fremdenabwehrende Stimmung in Japan zu beurteilen.
Bei Deutschland ist es ähnlich. Wer ausschließlich YouTube ansieht, begegnet dort beinahe nur einer einseitigen Angst vor der Flüchtlingskrise.
Ich bestreite nicht, dass diese Berichte und Äußerungen eine reale Grundlage haben.
Manche YouTube-Kommentatoren meinten, sowohl die fremdenabwehrende Stimmung in Japan als auch die verschärften Voraussetzungen für das Business-Manager-Visum gingen zum Teil darauf zurück, dass die Menschen den vermeintlichen Missbrauch staatlicher Sozialsysteme satthätten.
In Deutschland gleicht diese Abneigung dem bis ins Detail: Der gute Wille eines Systems verwandelt sich in etwas, das man eben nutzt, weil man es nutzen kann.
Das erinnerte mich daran, dass ich mich vor fast zehn Jahren aus genau diesem Grund mit einer Taiwanerin zerstritten hatte. Meiner Ansicht nach durften bestimmte Sozialleistungen nicht missbraucht werden. Sie hingegen meinte, ich verstünde ihre Not nicht, und die Inanspruchnahme dieser Leistungen liege schließlich im gesetzlich erlaubten Rahmen.
Versuchte ich, ihr mit moralischen Argumenten die Zweifelhaftigkeit ihres Verhaltens vor Augen zu führen, kehrte sich die Frage gegen mich: War ich selbst etwa in jeder Hinsicht eine Heilige? Wenn solche Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen verschiedener Ethnien oder Völker stattfinden, gelten sie zudem sehr schnell als Rassismus oder diskriminierende Äußerungen.
So kann eine Stimmung der Ausgrenzung tatsächlich entfacht werden.
Wenn eine Gesellschaft von Zugewanderten verlangt, sich an ihren sozialen Grundkonsens zu halten, ist das dann Ausgrenzung oder Diskriminierung?
Wenn jeder meint, er dürfe so handeln, Sozialleistungen beantragen und in Anspruch nehmen, nur weil das Gesetz es erlaubt, und sich dabei sogar auf der grauen Grenze bewegen,
dann ist auch der Zusammenbruch eines Systems absehbar.

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