In Japan gibt es jede Menge Cosplay, und auch im Anime wimmelt es von Figuren mit Haaren in allen möglichen Farben. Wenn man durch Japans Straßen geht, begegnen einem ständig Menschen mit den unterschiedlichsten hellen Haarfarben. Außerdem heißt es im Internet überall, Haare machen zu lassen sei in Japan günstiger als in Taiwan. Ich lief schon eine ganze Weile mit einem herausgewachsenen dunklen Ansatz herum, da juckte es mich natürlich in den Fingern, den schwarzen Teil endlich zu verwandeln.
Allerdings lasse ich zwischen zwei Blondierungen immer ein oder zwei Jahre verstreichen und gehe erst wieder hin, wenn mein Haar ein gewaltiges Stück nachgewachsen ist. Technisch macht das alles schwieriger, und an der Übergangsstelle zwischen den alten und den neuen Partien steigt auch das Risiko, dass das Haar abbricht. Beim Färben zeigt sich das ästhetische Gespür eines Friseurs, beim Blondieren sein technisches Können. Gleichzeitig hängt eine Blondierung von der Rezeptur der Mittel im jeweiligen Salon ab. Bei jemandem wie mir, der nicht immer in denselben Salon geht, lässt sich am Ergebnis sehr leicht erkennen, wie unterschiedlich diese Rezepturen sind.
Bevor ich mich für einen Salon entschied, suchte ich im Internet nach empfohlenen Stylisten. Wenn jemand Chinesisch spricht und zugleich sein Handwerk gut beherrscht, sind es online meist immer dieselben paar Namen, die empfohlen werden. Sich in der eigenen Muttersprache verständigen zu können, ist selbstverständlich ein großer Vorteil, doch soweit ich sah, lagen ihre Stärken eher beim Färben und Schneiden. Natürlich kann normalerweise auch blondieren, wer Haare färbt. Aber ach~wie ich schon erwähnt habe, beim Blondieren kommt es sehr auf die Technik und die chemische Rezeptur an. Ich nahm Kontakt zu einer der chinesischsprachigen Stylistinnen auf, die online empfohlen wurden, und zeigte ihr Länge und Farbe meiner Haare. Sie antwortete: Der schwarze Teil sei bei mir schon sehr lang und außerdem sehr dunkel. Die Mittel in Japan seien schwächer, deshalb müsse mein Haar womöglich zwei- bis dreimal blondiert werden; ob es überhaupt gelingen könne, lasse sich erst vor Ort richtig beurteilen. Da verließ mich auf der Stelle der Mut.
Bei der Behauptung, „die Mittel in Japan seien schwächer“, bin ich persönlich skeptisch. Zumindest in Taiwan wird mein Haar nach zwei Blondierungen in einem japanisch geführten Salon heller als nach denselben zwei Durchgängen in einem nicht japanisch geführten Salon. Damit will ich nicht sagen, dass ich die Stylistin für eine Aufschneiderin hielt. Ich vermutete eher, dass ihr Salon einfach eine sanftere Rezeptur verwendete. Schließlich bekomme ich jedes Mal, wenn mir meine Haare nicht hell genug sind, dieselben Erklärungen von den Stylisten zu hören: Sie hätten Angst, das Haar könnte abbrechen, sie wollten es schützen, deshalb würden sie die Mittel nicht zu stark dosieren⋯⋯ Ich mag nun einmal helles Haar! Auf Japans Straßen sieht man so viele helle Töne, sogar übertrieben blasse Farben wie aus dem Cosplay. Wie um alles in der Welt bekommen die Leute das hin? Also suchte ich bei Hot Pepper Beauty, das sich als Japans größte Plattform dieser Art bezeichnet, nach Blondierungen. Prompt erschienen unzählige Salons mit Beispielfarben, die so hell waren, dass sie beinahe schon platinblond wirkten. Natürlich~~für einen derart extremen Effekt muss man wirklich einen Salon finden, der auf Blondierungen spezialisiert ist. Ich sah mir immer wieder mehrere Salons an, prüfte dann, ob ihre Lage nicht zu weit von mir entfernt war, und verglich schließlich noch die Angebote für Neukunden. Am Ende wählte ich den teuersten Gutschein. Beim Blondieren sollte man mit den eigenen Haaren schließlich nicht nur deshalb spielen, um Geld zu sparen.
Mein Termin war für den 2. Oktober vereinbart. Ich folgte Google Maps und schaffte es prompt wieder, ganz zielstrebig in das falsche Gebäude zu laufen. Zufällig befand sich auch dort im vierten Stock ein Friseursalon. Sehr lange starrte ich auf seinen Namen⋯⋯das war doch nicht der Salon, den ich gebucht hatte?? Nachdem ich mich auf der Karte immer wieder neu geortet hatte, stellte ich fest, dass wohl das Gebäude dahinter die richtige Adresse sein musste. Zum Glück war ich nicht wirklich in den falschen Salon hineingegangen. Wie peinlich wäre das denn gewesen! Der Stylist, der mit meinem Gutschein „gebucht“ war, hatte zwölf Jahre Berufserfahrung. Dadurch kam er mir wie der Geschäftsführer vor, doch ich brachte es nicht über mich zu fragen. Natürlich lag das zum Teil auch daran, dass mein Japanisch zu schlecht war, um die Frage überhaupt herauszubekommen. Dann erklärte ich ihn eben einfach zum Chef. Als er merkte, dass ich Ausländerin war und kein Japanisch konnte, holte er sein Handy hervor und ließ mich ihn bei LINE hinzufügen, damit wir über die Sofortübersetzung von LINE kommunizieren konnten. Diese Übersetzung war jedoch immer noch nicht genau genug, und sofort packte mich die Lust, etwas anderes auszuprobieren. Haha, jetzt war der Augenblick gekommen, die sagenumwobene Live-Dolmetschfunktion von ChatGPT einzusetzen! Aus einem Grund, den ich bis heute nicht verstehe, drehte ChatGPT sich im Kreis und versagte auf spektakuläre Weise! Bei den ersten beiden Malen gelang die Übertragung zwischen Chinesisch und Japanisch noch einigermaßen, doch mittendrin geriet es plötzlich völlig außer Kontrolle und fing an, Deutsch zu sprechen. Mehrmals hatte ich ganz offensichtlich gar nicht so viel auf Chinesisch gesagt, während es auf Japanisch unaufhörlich Dinge von sich gab, von denen ich keine Ahnung hatte. Ich konnte überhaupt nicht kontrollieren, was es da eigentlich erzählte. Nach dieser Erfahrung verwarf ich sofort auch die Idee, bei Gesprächen mit japanischen Unternehmen ChatGPT zum Live-Dolmetschen einzusetzen. Ich sollte lieber brav einen menschlichen Dolmetscher suchen.
Zurück zum Blondieren. Nachdem feststand, dass ich mein Haar tatsächlich blondieren lassen wollte, gab mir der Chef einen Fragebogen zur Haarbeschaffenheit. Das zweite Blatt sah aus wie⋯⋯eine Warnung samt Haftungsverzicht? Den Kunden wurde darin klargemacht, dass Blondieren Risiken birgt und dass sie, falls ihnen die Farbe anschließend nicht gefiel oder das Haar beschädigt wurde beziehungsweise abbrach, bei negativen Äußerungen im Internet womöglich den Anwalt des Salons am Hals hätten. Für einen Moment verkrampfte sich mein Herz. Bedeutete das, dass dieser Salon häufig verklagt wurde, oder war es einfach japanische Vorsicht? Der Chef hob selbst immer wieder einzelne Strähnen an und betrachtete sie von allen Seiten. Über das Übersetzungsprogramm erklärte er mir unablässig, mein Haar sei zuvor nicht in ihrem Salon blondiert worden, die Rezepturen seien unterschiedlich, deshalb könne die Farbe nicht einheitlich werden. Außerdem sei das alte Haar an der Übergangsstelle zu den neu gewachsenen Partien schwer geschädigt; beim Weiterblondieren bestehe dort ein hohes Bruchrisiko! Ich sagte ihm ebenfalls immer wieder, dass mir klar war, dass die Farbe nicht einheitlich werden konnte. Ich zeigte ihm die dunkleren und helleren Partien, die beide aus verschiedenen Salons stammten. Auch das Bruchrisiko kannte ich, doch ich setzte meine Hoffnung nun einmal in das Können des Chefs. Wenn das Haar wirklich kreuz und quer abbrechen sollte, müsste ich es eben hinnehmen. Dann bliebe mir nur, alles brav abschneiden zu lassen und von vorn wachsen zu lassen. Der Chef rang immer weiter mit sich, und ich versicherte ihm wiederholt, dass ich das Risiko selbst tragen würde. Falls er es nicht eingehen wollte, konnte ich an diesem Tag auch einfach nur die Haare schneiden lassen. Ein letztes Mal fragte der Chef, ob ich wirklich goldene Haare wolle. Ich: Ja. Ich möchte eine ganz helle Haarfarbe. Der Chef: Soll außer dem Blondieren noch etwas gemacht werden? Ich: Nur blondieren. Nicht färben, keine Dauerwelle, dazu eine Pflegebehandlung. Beruhigte es den Chef, dass ich anschließend weder färben noch eine Dauerwelle machen lassen wollte? Brachte ihn das dazu, den Versuch zu wagen? (Oder brachte bloßes Schneiden einfach zu wenig Umsatz?) Er legte mir einen neuen Kostenvoranschlag vor. Ohne zu zögern sagte ich zu, und er begann, die Mittel vorzubereiten.
In Taiwan wird normalerweise zuerst eine Schutzschicht für die Kopfhaut aufgetragen, und in Japan war es nicht anders. Der Chef sprühte den Kopfhautschutz allerdings auf, statt ihn aufzutragen, und färbte auch den Ansatz nicht. Nach dem Spray trug er die Blondiermischung direkt auf. In Taiwan wird das behandelte Haar üblicherweise in metallisches Papier gewickelt, das an Aluminiumfolie erinnert. Dieser japanische Salon verwendete dagegen für die Mittel ein Papier, dessen Material eher wie Vlies aussah. Am Übergang zwischen neuem und altem Haar würden Stylisten in Taiwan normalerweise einen recht großen Abstand lassen und diese Stelle gesondert behandeln. Soweit ich es sehen konnte, ließ dieser japanische Chef fast keinen besonderen Abstand. Offenbar verwendete er sogar dasselbe Mittel. Nur das Material, das unter dem Haar lag, unterschied sich vom Vliespapier darüber und ähnelte eher einer Kunststofffolie. Weil ich extrem kurzsichtig bin und beim Blondieren keine Brille tragen kann, sah ich viele Einzelheiten nicht richtig. Mit meiner Haarfarbe wären in Taiwan normalerweise zwei Blondierungen nötig. Damit die Einwirkzeiten nicht zu weit auseinanderlagen, trugen häufig zwei Personen gleichzeitig das Mittel auf. Dieses Mal in Japan war jedoch nur der Chef da. Ganz gemächlich verteilte er die Mischung, und weil ich sehr viel Haar habe, dauert es lange, bis mein ganzer Kopf bedeckt ist. Insgeheim begann ich mir bereits Sorgen zu machen: Wenn die Farbe am Ende ungleichmäßig war, würde sie doch wohl nicht auch noch links und rechts unterschiedlich ausfallen⋯⋯oder?
Blondieren nimmt viel Zeit in Anspruch. Als der Chef mir anfangs sagte, es würde mindestens fünf Stunden dauern, dachte ich daher ganz ehrlich: Für zwei Durchgänge ist das wirklich schnell. Doch ich hatte mich geirrt. Mein Haar wurde während der gesamten Behandlung nur ein einziges Mal blondiert. Nach dem Ausspülen war das Ergebnis tatsächlich der hellste Ton, den ich in meinem ganzen Leben je nach nur einem Durchgang erreicht hatte. Beim Anblick des deutlichen Farbunterschieds zwischen den beiden Partien war ich zugleich glücklich und besorgt. Glücklich war ich, weil ich diesen hellen Ton liebte und weil ein einziger Durchgang dafür genügt hatte. Würde ich in Japan wohnen, ließe ich mein Haar danach jedes Mal von diesem Chef blondieren! Sorge bereitete mir, dass japanische Stylisten offenbar nicht wie ihre Kollegen in Taiwan zumindest ein wenig auf Farbunterschiede achteten und versuchten, die Töne nicht allzu weit auseinanderdriften zu lassen. Vielleicht lag es allerdings auch an der Rezeptur, dass sich der Unterschied nur schwer kontrollieren ließ. Noch nie zuvor hatte ich erlebt, dass die Farbe zwischen oberer und unterer Partie so hart abbrach. Was sollte ich bloß tun? Nach dem Trocknen verschwand der Unterschied, der mir solche Sorgen bereitet hatte, auf wundersame Weise beinahe vollständig. Übrig blieb nur ein ganzer Kopf in genau dem Goldton, den ich liebte. In diesem Augenblick war ich so gerührt, dass ich am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre. Mein Gott, genau diese goldene Haarfarbe war die Farbe, in der ich mich selbst wiedererkannte. Ganz anders als nach meinen letzten beiden Blondierungen in Taiwan, bei denen am Ende immer noch ein stark gelbstichiges Gold herausgekommen war. In Japan Haare machen zu lassen war tatsächlich auch günstiger als in Taiwan. Aus Dankbarkeit kaufte ich beim Stylisten noch eine Flasche Spezialshampoo und vereinbarte sofort einen Termin zum Nachblondieren, bevor ich im Dezember nach Hause zurückkehren würde. Es ist wirklich nicht leicht, endlich die Farbe zu besitzen, die man liebt. Ich schwöre, ich werde die Kontaktdaten meines letzten Stylisten in Taiwan und den Salon aus meinem Handy löschen. Der einzige Wermutstropfen war, dass der schwarze Abschnitt oben auf meinem Kopf ziemlich deutlich zu sehen war, weil der Ansatz nicht eigens gefärbt worden war. Man kann eben nicht alles haben. Für mein erstes Erlebnis in einem japanischen Friseursalon war ich schon sehr dankbar, dass an der Übergangsstelle nichts abgebrochen war und mir die Farbe gefiel.
Wirklich, zum Blondieren sollte man am besten doch in einen Salon gehen, der darauf spezialisiert ist.

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