旅の余白

Zwei Reisende stehen Hand in Hand an einer Weggabelung vor einer frühherbstlichen Berglandschaft, als eigenständige, vom Tarot inspirierte Illustration

Auftakt: 11. September

Vier Zeitpunkte fallen auf denselben 11. September – und ein Gedanke, der mich seit Jahren umkreist, wird endlich vom Trugbild zum Aufbruch.

Der 11. September im Jahr 152 der Zeitrechnung von Land A ist jener Tag, an dem die Hauptfiguren des Dark Wings Universe ein folgenschweres Ereignis erleben. Am 11. September 2026 schreibe ich gerade an dieser 9/11-Episode der Geschichte. An diesem Tag jähren sich die Anschläge vom 11. September in den USA zum fünfundzwanzigsten Mal. Und an diesem Tag habe ich auch endgültig meinen Flug für einen Kurzzeit-Sprachaufenthalt in Japan gebucht. Nach dem Mondkalender ist der 11. September 2026 der erste Tag des achten Monats im Bingwu-Jahr. Ich weiß nicht, ob in all dem irgendein Zufall liegt – so wenig, wie wir wissen, welcher Tag unseres Lebens zu einer Wende wird, die uns für immer begleitet.

Der Wunsch, nach Japan zu gehen, war wie ein Geist, der nicht verschwinden wollte; und ich schien ihm mit einem Yin-Yang-Auge zu begegnen, das bald sah, bald blind blieb. Stimmte die Frequenz, erkannte ich ihn ganz deutlich. Wurde das Signal schwächer, wusste ich nicht mehr, ob dieser Gedanke nicht doch nur ein Trugbild war. Manchmal schwankte die Frequenz so heftig, dass alles wie ein Film mit Bildsprüngen und Weißblenden wirkte – zugleich irgendwo zwischen »vorhanden« und »nicht vorhanden«.

Am 5. September 2026 beschloss ich, dem Gedanken »nach Japan gehen« eine konkrete Gestalt zu geben. Ich bin meinem Mann dankbar, dass er mich unterstützt und mir diesen Versuch ermöglicht. Am 6. September nahm ich Kontakt zu zwei Agenturen für Sprachaufenthalte in Japan auf. Die eine vermittelte nur Langzeitaufenthalte, die andere antwortete rasch und übernahm meinen Fall. Zu diesem Zeitpunkt war es nur noch ein Monat bis zum Semesterbeginn vieler japanischer Sprachschulen. Am 9. September bestätigte die Agentur, dass die ISI Language School, Osaka noch einen Platz für Kurzzeitstudierende hatte und auch eine Unterkunft verfügbar war. Also füllte ich die Anmeldung aus. Am 11. September buchte ich den Flug; den Online-Einstufungstest musste ich noch absolvieren und die Gebühren noch bezahlen. Die Abreise war für den 29. September geplant. Mir blieben achtzehn Tage zur Vorbereitung.

Zwischen »alles loslassen und nehmen, wie es kommt« und »mich aktiv auf Japan vorbereiten« wählte ich einen Weg dazwischen. Drei Monate sind kurz. Doch für einen Menschen mittleren Alters, dessen Leben voller alltäglicher Pflichten ist, lassen sich nicht so beiläufig und spontan drei Monate freiräumen wie in jungen Jahren. Vielleicht ist genau das die Wirklichkeit des mittleren Lebens, nachdem man Verantwortung übernommen hat. »Wenn es diesen Freiraum jetzt nicht gibt, wird es ihn später auch nicht geben.« Seit wie vielen Jahren wollte ich schon Japanisch lernen? Immer wieder fing ich an und hörte wieder auf, ohne es jemals wirklich zu etwas zu bringen. Im Alltag stand es nie weit genug oben auf der Liste; und der tägliche Verschleiß verführte dazu, es sich lieber bequem zu machen. In einer Welt, in der sich KI unablässig weiterentwickelt, schien die Bedeutung des Sprachenlernens noch weiter nach hinten zu rücken.

Doch während ich am Dark Wings Universe schrieb, spürte ich immer deutlicher das Gegenteil: KI ist eben eine Erfindung von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren. Ihr Verständnis von Philosophie, Ethik, Geisteswissenschaften und selbst feinsten Gefühlsnuancen reicht noch nicht bis zu einem wirklichen Verstehen und Kommunizieren über Sprach- und Kontextgrenzen hinweg. Also beschloss ich aufzubrechen. Mitten im Leben – in einem Alter, das als erfahren gilt und dessen Denken doch bereits zu erstarren droht – möchte ich noch einmal erleben, wie es sich anfühlt, ein neues Land zu betreten, ohne seine Sprache zu beherrschen – so wie vor zwanzig Jahren.

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