An der Schule gibt es einen älteren Herrn, der ungefähr das ist, was man auf Deutsch einen Hausmeister nennt; auf Chinesisch würde man ihn wohl als Gebäudeverwalter bezeichnen. Jeden Tag sehe ich ihn am Eingang der Schule stehen. Vor allem wenn der Unterricht beginnt oder endet, hält er an den Aufzügen Ordnung, weist die Schüler an, sich zum Einsteigen anzustellen, und sorgt gewissenhaft dafür, dass die Kapazität jedes Aufzugs möglichst vollständig genutzt wird.
Während der Lernzeiten geht er umher und kontrolliert den Zustand der Mülleimer.
Ganz am Ende des Schultags, wenn die Schule geschlossen werden soll, steht er draußen an der Hauptstraße vor dem Ausgang und winkt jedem Schüler zum Abschied zu.
Ich denke dann: Mein Gott, diese Arbeit muss alles andere als einfach und zudem furchtbar anstrengend sein, besonders wenn man Tag für Tag mit „unhöflichen Ausländern“ zu tun hat, die japanische Kultur und Umgangsformen nicht verstehen. Oft sehe ich Schüler an dem Herrn vorbeigehen, ohne ihn auch nur richtig anzusehen. Wird das auf Dauer nicht zu einem seelischen Dauerbeschuss?
Wäre der Herr vielleicht ein geeigneter Gesprächspartner, um das Sprechen zu üben?
Weil es mir jedoch unangenehm wäre, ihn bei seiner Arbeit aufzuhalten, grüße ich jedes Mal nur kurz und eile dann weiter.
Als ich früher in Deutschland Berichte über den Unterricht in Sprachkursen las, hieß es oft, in den Klassen seien sehr viele nepalesische Schüler, die wegen ihrer Nebenjobs häufig nicht zum Unterricht kämen und dadurch den Fortschritt der Klasse beeinträchtigten.
In unserer Klasse scheint es nur zwei nepalesische Schüler zu geben. Eine davon, eine junge Frau, spricht unglaublich gut. Sobald sie den Mund aufmacht, sprudelt flüssiges Japanisch aus ihr heraus. Ich weiß überhaupt nicht, weshalb sie in unserer Klasse sitzt. Eigentlich müsste sie doch in einen fortgeschritteneren Kurs gehen.
Der andere nepalesische Schüler ist ein Mann und nicht ganz so beeindruckend. Neben ihm sitzt ein Schüler aus Bangladesch.
Der Schüler aus Bangladesch verhält sich im Unterricht zwar ebenfalls brav, doch ich habe immer wieder den Eindruck, dass er recht lustlos wirkt.
Der chinesische Mitschüler neben mir war in China offenbar Mathematiklehrer in der Nachhilfebranche. Ein Lehrer dürfte es doch eigentlich nicht mögen, wenn Schüler im Unterricht unaufmerksam sind.
Sobald wir jedoch zu einer Stelle kommen, die ihn langweilt, sehe ich ihn manchmal ein Japanischlehrbuch hervorholen, wie man es aus seiner Nachhilfewelt kennt, und für sich lesen und schreiben. Ruft die Lehrerin ihn dann auf und stellt ihm eine Frage, dreht er sich rasch zu mir und fragt, was sie gerade gesagt habe.
In Deutschland führte ich ein ausgesprochen zurückgezogenes Leben.
Trotzdem folge ich seit jeher dem Grundsatz, dass man in der Fremde auf Freunde angewiesen ist, und schaffe deshalb aktiv Gelegenheiten für Gespräche.
Also ergriff ich die Initiative, richtete bei WhatsApp eine Klassengruppe ein und fragte jeden Einzelnen, ob er beitreten wolle.
Alle scannten höflich den Code und traten der Gruppe bei. Auf meine Begrüßungen oder Nachrichten dort kamen jedoch nur spärliche Reaktionen, vielleicht weil die anderen WhatsApp nicht oft benutzen.
Vielleicht sind alle mit dem jeweiligen Zweck beschäftigt, der sie nach Japan geführt hat. Vielleicht möchten sie lieber entschlossener auf Japanisch mit anderen verkehren oder Beziehungen zu Japanern aufbauen.
Ich weiß es nicht.
Begegnungen zwischen Menschen sind schließlich immer eine Frage des Schicksals.
Dennoch erscheint mir diese Reaktion, bei der jeder sich dafür entscheidet, seine eigene Insel zu bleiben, immer wieder seltsam.
Die Schule liegt gleich neben Shinsaibashi, unweit einer Geschäftsstraße voller Touristen.
Eigentlich gehe ich an solchen Orten nicht besonders gern einkaufen, doch allein weit hinauszufahren motiviert mich ebenfalls nicht.
Da ich den Gothic-Stil seit vielen Jahren liebe, betrat ich heute endlich ein Gothic-Geschäft, an dem ich schon unzählige Male vorbeigekommen war.
In meinem Alter einen Laden mit einer derart pubertär-dramatischen Ästhetik zu betreten, war mir ein wenig peinlich.
Ein junger Verkäufer stellte mir die Waren jedoch ausgesprochen begeistert vor. Eigentlich mag ich keine eifrigen Verkäufer, die mir fortwährend an den Fersen kleben. Als er aber bemerkte, wie wenig Japanisch ich sprach, bemühte er sich mit seinem holprigen Englisch sehr aktiv um die Verständigung.
So gab ich am Ende doch „eine große Summe Geld“ aus und trug einen Mantel in Form einer schwarzen Katze nach Hause. Vor zehn Jahren hatte ich schon einmal einen Gothic-Mantel in Gestalt einer Vampirkatze gekauft. Unter den Verwüstungen der Zeit hatte das Auge des Totenschädels einen Rubin verloren, die Ohren waren abgewetzt, und vom vielen Waschen war der Stoff ausgeblichen.
Zehn Jahre später habe ich mir nun eine verbesserte Version gegönnt. Das ist doch wohl nicht… allzu verschwenderisch?
Allerdings muss ich diese konsumfreudige Begierde wirklich ein wenig zügeln.
Eine Woche lang war ich nach dem Bleichen meiner Haare überaus zufrieden mit mir. Doch bei jeder Haarwäsche fielen große Mengen aus, sodass ich unwillkürlich in Panik geriet.
Der starke Haarausfall hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter verschlimmert. Dieses Mal blieb mir jedoch, obwohl ich die Haare weder hatte schneiden noch ausdünnen lassen, nur noch so viel Haar, wie ich sonst nach dem Ausdünnen gehabt hätte. Das jagte mir wirklich Angst ein.
Als ich mich dann im Spiegel genauer betrachtete, dachte ich: Aha! Nun beginnen die Haare abzubrechen.
Wenn es allerdings nur Haarbruch ist, lässt sich das noch hinnehmen. Im schlimmsten Fall sehe ich eben ein oder zwei Jahre lang hässlich aus.
Mit zunehmendem biologischem Alter denke ich oft wehmütig darüber nach, dass einem für manche Dinge, wenn man sie in der Jugend nicht tut, später schlicht die körperlichen Voraussetzungen fehlen.
In jener Zeit des Lebens, in der ich mich noch frei bewegen kann
Mich frei bewegen

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