旅の余白

Eine gefasste Reisende steht in einem Weingarten, in dem ein deutsches Industriegewächshaus auf ein japanisches Dojo trifft; auf ihrer Hand sitzt ein Falke, zwischen den Reben hängen genau neun goldene Pentakel in Gruppen von vier, drei und zwei

Naturell: 24. September

Ein mehrsprachiges Gespräch mit einem deutschen und einem japanischen Vorgesetzten zeigt mir erneut mein Naturell: Ich verehre kein Firmenalter und verberge meine Schwächen nicht. Auch wenn Japan und ich kaum zueinanderpassen, bin ich bereit, das Dojo zu betreten.

Heute stand ich sehr früh für ein Vorstellungsgespräch auf, nur um auf ein technisches Problem zu stoßen, das meine Anmeldung verhinderte. Nachdem ich alle möglichen Wege ausprobiert hatte, fragte ich mich bereits, ob das Unternehmen diese Situation absichtlich geschaffen hatte, um die Problemlösungsfähigkeit der Bewerber zu testen.

Am Ende gelang die Anmeldung jedenfalls, und das Gespräch konnte beginnen.

Da es um eine Stelle zur Erschließung des japanischen Marktes ging, führten ein deutscher und ein japanischer Vorgesetzter das Gespräch.

Vorab hatte ich die Personalabteilung ausdrücklich gefragt: „Findet das Gespräch auf Englisch statt?“ Die Antwort lautete, Englisch, Deutsch und Japanisch würden vorkommen. Nun gut. Vermutlich wollte man die Sprachkenntnisse der Bewerber prüfen?

Von der Branche verstand ich überhaupt nichts. Deshalb hatte ich die KI im Vorfeld Material zusammentragen lassen, um mir in aller Eile Branchen- und Produktwissen anzueignen. Zudem war das Unternehmen ausgerechnet in jenem Wirtschaftszweig tätig, der in den vergangenen Jahren einen der schwersten industriellen Einbrüche Deutschlands erlebt hatte. Besonders hoch waren meine Erwartungen daher nicht.

Nachdem das technische Problem gelöst war, begann der deutsche Gesprächspartner, mir das Unternehmen auf Deutsch vorzustellen. Sehr ausführlich erläuterte er die Produkte, die Geschichte sowie die weltweit verteilten Niederlassungen und Fabriken.

Während der deutsche Vorgesetzte auf Deutsch sprach, ließ der japanische Vorgesetzte seine Kamera die ganze Zeit ausgeschaltet.

Danach war der japanische Vorgesetzte mit seinen Fragen an der Reihe. Gleich zu Beginn erklärte ich, mein Japanisch sei nicht gut, insbesondere beim Hören und Sprechen. Anschließend sagte ich ein paar kurze Sätze in dem Japanisch auf N5-Niveau, das ich noch beherrschte. Meine Aussprache kam mir nicht besonders gelungen vor, weshalb der japanische Vorgesetzte bisweilen irritiert wirkte.

Da mein gesprochenes Japanisch beinahe nicht vorhanden ist, unterhielten wir beide uns einfach auf Englisch, und ich stellte meinen beruflichen Werdegang auf Englisch vor. Währenddessen ließ nun der deutsche Vorgesetzte seine Kamera die ganze Zeit ausgeschaltet.

Es war eine recht interessante Erfahrung.

Vielleicht lag es daran, dass der deutsche Vorgesetzte wusste, dass ich aus einem völlig anderen Bereich kam. Jedenfalls verbrachte er im Grunde die Hälfte des Gesprächs damit, das Unternehmen vorzustellen.

Der japanische Vorgesetzte wiederum suchte für das Europageschäft einen Partner, der fließend Japanisch sprach und unmittelbar mit japanischen Unternehmen kommunizieren sowie auf vielfältige Weise Geschäftskontakte entwickeln konnte.

Konkrete Pläne für den japanischen Markt erwähnten die beiden jedoch während des gesamten Gesprächs nicht. Sie sagten lediglich, ihnen sei bewusst, dass es sich um ein langfristiges Vorhaben handle, und das Unternehmen sei bereit, geduldig auf Ergebnisse zu warten.

Allerdings erhielt ich während des Gesprächs auch keine Gelegenheit, nach der konkreten Japanstrategie, den Produktplänen oder den besonderen Merkmalen der Produktspezifikationen zu fragen. Selbst als ich eine vorsichtige Frage stellte, gingen sie überhaupt nicht darauf ein.

Als der deutsche Vorgesetzte die Geschichte des Unternehmens schilderte, erwähnte er stolz, es bestehe seit mehr als hundert Jahren. Dadurch sei viel Know-how weitergegeben worden, außerdem seien die Abläufe der Produktentwicklung längst stark institutionalisiert und standardisiert. Er erklärte mir auch grob die festgelegten Entwicklungsschritte und wie die Projektleiter über verschiedene Projekte hinweg zusammenarbeiteten.

Das Verfahren klang kompliziert, war aber vollkommen nachvollziehbar. Dennoch dachte ich: War nicht gerade die Erstarrung dieses Prozessmodells dafür verantwortlich, dass die Branche heute in einer solchen Misere steckte?

Daraufhin erklärte ich: „Ja, das Unternehmen, für das ich derzeit arbeite, ist ebenfalls bereits zweihundert Jahre alt. Daher bin ich mit den Aufgaben, die in der Produktentwicklung der traditionellen deutschen Industrie anfallen, sehr vertraut.“

Wirklich, in Deutschland sollte man nicht bei jeder Gelegenheit mit der Geschichte seines Unternehmens prahlen.

Besonders lebhaft erinnere ich mich an die Zeit, als mein Unternehmen eine große Feier zu seinem zweihundertjährigen Bestehen veranstaltete. Gegenüber einem Kunden, der uns besuchte, erwähnte ich beiläufig, dass gerade alle Kräfte für die Einzelheiten der Feier mobilisiert würden. Der Kunde konterte ebenso beiläufig, er könne unsere Belastung sehr gut nachvollziehen, denn sein Unternehmen habe einige Jahre zuvor sein zweihundertfünfzigjähriges Jubiläum gefeiert.

Vergleiche können einen zur Verzweiflung treiben.

Tritt Firmengeschichte gegen Firmengeschichte an, findet sich auf dem europäischen Kontinent immer noch ein älteres Unternehmen.

Alles in allem rechne ich nicht damit, nach diesem Vorstellungsgespräch noch einmal etwas zu hören. Schließlich sagte der japanische Vorgesetzte sehr deutlich, meine Japanischkenntnisse reichten nicht aus.

Das akzeptiere ich selbstverständlich gern. Schließlich fahre ich nächste Woche nach Japan, um „mein Japanisch zu verbessern“.

Außerdem habe ich Kontakt zu einem Dojo aufgenommen, das offenbar nicht weit von meinem Wohnheim entfernt liegt, eine englischsprachige Webseite betreibt und ausdrücklich kurzfristigen Iaido-Unterricht für internationale Studierende in Japan und dorthin entsandte Beschäftigte anbietet.

Ausgerechnet an meinem Ankunftstag in Japan findet das Training statt, das nur einmal pro Woche abgehalten wird. Ich überlegte kurz: Gerade erst angekommen, würde ich wegen der Zeitumstellung ohnehin nicht früh schlafen gehen. Also vereinbarte ich sofort mit dem Lehrer, das Dojo am Abend der folgenden Woche zu besuchen.

Ich ahne bereits, dass mein Naturell und Japan ganz und gar nicht zusammenpassen. Trotzdem freue ich mich darauf, meinem Leben eine weitere Erfahrung hinzuzufügen.

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