旅の余白

Eine nostalgische Tarotillustration: Unter tief indigofarbener Abenddämmerung plant eine Reisende am Schreibtisch ihre Kansai-Route, in der Ferne liegen alte Stadt, Theater und Hafen, während zehn goldene Kelche einen Regenbogenbogen am Himmel bilden

Warten: 16. September

An einem Tag, an dem das Reisebüro schwieg, verwandelte ich das Warten in eine Kansai-Liste: vom Jidai Matsuri und dem Minamiza bis zu jener Schweizerin, der ich vor dreißig Jahren begegnete. Die Reise hat noch nicht begonnen, doch die Erinnerung ist längst aufgebrochen.

Heute blieb es beim Reisebüro still. Keine Nachricht kam. Vielleicht wartet man dort noch darauf, dass Schule und Wohnheim den Zahlungseingang bestätigen, bevor es weitergehen kann.

Am 22. Oktober findet in Kyoto das alljährliche Jidai Matsuri statt. Zuerst hatte ich geglaubt, der Umzug, an den ich mich von vor einigen Jahren erinnerte, sei genau dieses Fest gewesen: Takuya Kimura war damals als Nobunaga zu Pferd durch die Straßen geritten, um für den Film THE LEGEND & BUTTERFLY zu werben. Eine kurze Suche belehrte mich eines Besseren. Das war das Gifu-Nobunaga-Fest gewesen.

Ein Ereignis, das nur einmal im Jahr stattfindet, kann man schlecht unbeachtet lassen. Also begann ich zu überlegen, wie sich daraus eine kleine Reise machen ließe, verbunden mit Abstechern nach Kobe und Himeji am Wochenende.

Eine Reise zu planen ist immer voller Vorfreude und Erwartung. Ich möchte so viele unterschiedliche Erfahrungen wie möglich sammeln.

Wenn ich schon wegen des Jidai Matsuri nach Kyoto reisen wollte, lag es nahe, dort auch eine Kabuki-Vorstellung zu besuchen. Bei der Suche erfuhr ich, dass das Osaka Shochikuza im Mai 2026 geschlossen worden war und das Gebäude abgerissen werden sollte. Für diese Reise durch Kansai wurde Kyotos Minamiza damit zur bequemsten und beinahe einzigen Möglichkeit.

Seit meinem letzten Kabuki-Besuch sind fast dreißig Jahre vergangen.

Damals war ich gerade im ersten Studienjahr und allein für eine Woche nach Tokio gereist. Ich hielt Kabukicho irrtümlich für das Viertel, in dem das Kabukiza stand, und lief dort mehrere Runden. Zu sehen bekam ich nur riesige Porträts schöner Frauen und kleine Hefte, die von verschiedenen Lokalen verteilt wurden und voller attraktiver Männer und Frauen waren. Dabei fragte ich mich unablässig: Wo um alles in der Welt war das Theater?

Erst als ich meinen Irrtum bemerkte, stieg ich wieder in die Bahn und fuhr zum Kabukiza.

Inzwischen war es fast Abend. Ich entdeckte ein Lokal, das ziemlich mondän aussah, mit einer Theke und etwas zu essen, und ging hinein.

Ich weiß nicht mehr, was mein jüngeres Ich damals dachte und weshalb ich ausgerechnet ein Lokal mit Theke auswählte. Vermutlich ging mir ungefähr Folgendes durch den Kopf: Allein an einem Tisch zu sitzen wirkt seltsam, und im Film setzen sich Menschen, die allein ausgehen, doch immer an die Bar. Also tat ich es ihnen nach.

An der Theke saß zufällig eine blonde Ausländerin, die ebenfalls allein unterwegs zu sein schien.

Wahrscheinlich sprach ich sie zuerst an. Es ist so lange her, dass ich mich an die Einzelheiten nicht mehr erinnere. Wir erzählten einander von unseren Reisen. Ich weiß noch, dass sie Schweizerin war und sagte, sie habe für diesen Abend nichts geplant und wisse noch nicht, was sie unternehmen solle.

Kurz entschlossen fragte ich sie, ob sie nicht mit mir ins Kabuki kommen wolle.

Vor dreißig Jahren waren Karten für einzelne Akte noch recht leicht zu bekommen. Die Schweizerin und ich kauften uns welche, für ungefähr tausend Yen pro Stück, glaube ich. Was wir damals sahen, habe ich inzwischen restlos vergessen.

Als Kind schaute ich mit meinem Großvater Peking-Oper. Von den gesungenen Geschichten verstand ich kein einziges Wort. Beim Kabuki ging es mir ähnlich: Die Handlung blieb verschwommen, doch das hinderte mich nicht daran, Gesang, Darstellung, Deklamation und Bewegung der Schauspieler zu genießen.

Vor etwas mehr als zehn Jahren wollte ich noch einmal eine Karte für einen einzelnen Akt kaufen. An jenem Tag war jedoch nichts mehr zu bekommen, und ich musste enttäuscht wieder gehen.

Diesmal hatte ich meine Lektion gelernt. Ich beeilte mich, Vorstellungen und Karten im Voraus zu prüfen.

Erst auf der Website erfuhr ich, dass im Minamiza nicht jeden Monat Kabuki gespielt wird. Gibt es Vorstellungen, sind sie häufig in ein Tages- und ein Abendprogramm aufgeteilt.

Mein Plan war in seiner Eleganz bestechend: Nach der Tagesvorstellung könnte ich am Nachmittag noch in eine andere Stadt weiterfahren.

Nur waren sämtliche Karten für sämtliche Tagesvorstellungen im Oktober ausverkauft. Ich konnte kaum glauben, was ich da sah. Standen die Menschen in Kyoto wirklich alle so früh auf?

Der schöne Plan war dahin. Karten gab es nur noch für die Abendvorstellungen, also musste ich die Reiseroute noch einmal überdenken.

Google erklärte mir, ein vollständiges Kabuki-Programm dauere ungefähr vier Stunden. Die Schauspieler beenden die Vorstellung, die um halb zwölf beginnt, und stehen um vier Uhr schon wieder für das Abendprogramm auf der Bühne. Am Ende eines solchen Tages müssen sie völlig erschöpft sein. Noch bevor ich die Aufführung gesehen hatte, bewunderte ich bereits ihre Kondition.

Übrigens ist Kokuho ein Film, den ich sehr mag. Er erzählt vom Leben der Kabuki-Schauspieler. Lange wartete ich darauf, doch in deutschen Kinos schien er einfach nicht anzulaufen. Zum Glück hatte ich ihn noch in Taiwan gesehen.

Neben dem Kabuki hatte mir mein Gedächtnis aus irgendeinem Grund hartnäckig eingeredet, die Takarazuka Revue befinde sich in Osaka.

Ich dachte mir: Wenn Osaka schon kein Shochikuza mehr hatte, könnte ich mir wenigstens Takarazuka ansehen, oder?

Dabei liegt Takarazuka gar nicht in Osaka, sondern in Hyogo. Zu meiner Verteidigung lässt sich nur sagen, dass es direkt neben Osaka liegt.

Zeit, einen Reiseplan zu schreiben. Zeit, eine Liste all dessen anzulegen, was ich sehen und erleben möchte.

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