Heute habe ich auch die Unterkunft bezahlt. Bis zur Abreise sind es nun genau zwei Wochen. Sobald Schule und Wohnheim den Eingang des Geldes bestätigen, kann die zweite Etappe offiziell beginnen.
Vor der Überweisung zögerte ich. Eine Vermittlungsagentur, die ich im Internet gefunden und deren Mitarbeiter ich nie persönlich getroffen habe. Eine Sprachschule, die ich nur aus dem Internet kenne. Eine Unterkunft, die ich ebenfalls nur auf dem Bildschirm gesehen habe.
Jeder Kontakt war virtuell. Beginnen klassische Betrugsfälle nicht oft genau auf diese Weise?
Gerade heute, da Täuschung und Fälschung so wenig kosten – und da ich das Geld aus freien Stücken überweise. Handle ich zu impulsiv, zu leichtfertig?
Im Geschäftsleben nennt man das die „Kosten des Vertrauens“. In einer Gesellschaft leben zu können, die sich noch ein grundlegendes Maß an Vertrauen bewahrt hat, ist selten und kostbar.
Vor zwanzig Jahren fand ich, damals noch in Taiwan, ebenfalls selbst über das Internet eine Sprachschule in Deutschland.
Ganz bewusst entschied ich mich für eine wenig bekannte Stadt im Osten Deutschlands. Google-Bewertungen waren damals nicht üblich, vielleicht gab es sie in brauchbarer Form noch gar nicht. Ob eine Schule gut oder schlecht war, konnte niemand beurteilen außer denen, die wirklich dort gewesen waren. Und bei einer Sprachschule in einer abgelegenen Stadt war kaum damit zu rechnen, ausgerechnet jemanden aus Taiwan zu finden, den ich nach seinen Erfahrungen fragen konnte.
Getragen von demselben blinden Vertrauen wechselte ich ein paar E-Mails mit der Schule, nahm den Überweisungsträger und bezahlte bei der Bank.
Ich weiß längst nicht mehr, wie viel ein Kursabschnitt damals kostete. Ich erinnere mich nur, dass die Schule zwar günstiger war als das Goethe-Institut, unter den privaten Sprachschulen aber dennoch zu den teureren gehörte.
Weil in den Wohngemeinschaften kein Platz mehr frei war, brachte mich die Schule bei einer Gastfamilie unter. Die Miete betrug zweihundert Euro im Monat; für das gemeinsame Abendessen zahlte ich weitere fünfzig.
Mein Deutsch war damals noch kläglicher als mein Japanisch heute. Trotzdem schleppte ich meinen großen Koffer aus dem Flugzeug, stieg in den Zug und später in den Nahverkehr um, drückte an dem Wohnhaus auf die Klingel der angegebenen Adresse und trat in die Wohnung einer deutschen Familie, die ich nie zuvor gesehen hatte. Bis heute stehen wir miteinander in Kontakt.
Die Unterkunft, die die Agentur diesmal vermittelt hat, umfasst Verpflegung. Auf den Fotos wirkt das Zimmer nicht groß – vielleicht so klein, dass sich nicht einmal mein Koffer öffnen lässt. Umgerechnet kostet es ungefähr 190 Euro pro Woche und liegt damit beinahe auf dem Niveau eines Einzimmerapartments in einer deutschen Großstadt.
Ein deutsches Einzimmerapartment bietet zwar mehr Platz, doch Mahlzeiten sind nicht inbegriffen, manchmal nicht einmal Möbel. Früher musste man sogar Glühbirnen und Küche selbst anschaffen. Weil in den Städten jedoch immer mehr Menschen nur vorübergehend wohnen, werden möblierte Apartments mit Küche inzwischen zunehmend üblich.
Dank des starken Wertverlusts des Yen liegen auch die Gebühren der Sprachschule ungefähr auf dem Niveau einer privaten Sprachschule in Deutschland, vielleicht sogar ein wenig darüber.
Eine Sprache im Ausland zu lernen war eben noch nie ein billiges Vergnügen.
Rechnet man das längst bezahlte Flugticket hinzu, kaufe ich mir eine Erfahrung, von der niemand weiß, ob sie mir später je einen Ertrag bringen wird. Aus einer rein zweckorientierten Sicht muss man sich wohl unablässig den Fragen der anderen stellen – oder den Fragen im eigenen Inneren: Wozu soll das alles gut sein?
Zufällig hörte ich gestern einen Psychologie-Podcast über den Zustand des „Dahindämmerns“. Die Moderatorin sagte, in einem modernen Leben, in dem für alles ein KPI verlangt werde, lehre uns die traditionelle asiatische Erziehung: Wer innehält, strengt sich nicht genügend an. Wer etwas tut, das kein Geld einbringt und ihn einfach nur glücklich macht, bekommt leicht ein schlechtes Gewissen.
Wie erschreckend genau diese Beschreibung ist.
Sie erinnert mich zugleich an das Dilemma erfolgreicher Unternehmen. Ein sehr erfolgreiches Unternehmen hält oft an dem fest, was es kennt und was unmittelbar Gewinn bringt. Projekte hingegen, die im Augenblick keinen Nutzen versprechen und deren Zukunft ungewiss ist, werden kaum entwickelt oder erforscht.
Die deutsche Autoindustrie und viele andere Branchen sind heute in genau diese Falle geraten. Der Wandel einer Epoche scheint sich über Nacht zu vollziehen. Meist wurden seine Signale jedoch jahrelang übersehen. Wenn der Wind schließlich wirklich dreht, fällt es einem Unternehmen umso schwerer, sich neu auszurichten, je größer es ist.
Hat das nicht vieles mit unserem eigenen Leben gemeinsam?
Menschen fürchten das Unbekannte und meiden unsichere Entscheidungen. In den Schlagzeilen der vergangenen Tage hieß es noch immer, führende Köpfe der KI-Branche riefen zu einem langsameren Entwicklungstempo auf, während Fachleute an der vordersten Front warnten, KI könne mit hoher Wahrscheinlichkeit die Menschheit vernichten.
Als ich das las, musste ich lachen.
Als die Atombombe geschaffen wurde, erinnerte auch Oppenheimer an die Worte aus der Bhagavad Gita vom „Zerstörer der Welten“.
Die KI zum Täter zu erklären, der die Welt vernichten wird, wirkt beinahe wie eine Ausrede, mit der die Menschheit sich selbst entlastet.
Vor der KI fehlte uns lediglich ein wirksames Mittel, um Vernichtung in großem Maßstab zu betreiben. Wie kommt es, dass die Geschichte, sobald sie auf eine Schlagzeile verkürzt wird, so klingt, als wäre die KI selbst eine Art Terminator?
Die eigene Verantwortung nach außen zu verlagern ist eben eine ausgesprochen menschliche Handlung – und eine ausgesprochen menschliche Denkweise.

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