Jeden Tag stand ich früh auf, nur um zu frühstücken, und jeden Tag waren meine Kräfte dadurch schon früh aufgebraucht.
Wenn ich nach dem Unterricht ins Wohnheim zurückkam, war ich deshalb so müde, dass ich nur noch aufs Bett fallen und mich ausruhen wollte. Selbst die Hausaufgaben waren eine Qual; mir fehlte jede Kraft, von einem täglichen Stimmungstagebuch ganz zu schweigen.
Also beschloss ich, meinen Tagesrhythmus umzustellen und das tägliche Frühstück zu streichen, damit ich morgens richtig, richtig, richtig ausschlafen und abends noch etwas erledigen konnte. Schließlich bin ich ein nachtaktives Wesen.
Heute hatte ich eine Besprechung mit einem japanischen Unternehmen in Tokio, dessen Vertriebsmitarbeiter problemlos Englisch sprach. Die Firma war zwar erst vor etwa fünf oder sechs Jahren gegründet worden und hatte bislang keine Erfahrung mit Geschäftsbeziehungen zu ausländischen Unternehmen.
Dass diese Firma tatsächlich einen Vertriebsmitarbeiter hatte, der Englisch sprechen konnte, fand ich dennoch erstaunlich genug.
Gleichzeitig fragte ich mich: Sind die wirklich „internationalen“ Fachkräfte am Ende größtenteils in Tokio versammelt?
Mein Gegenüber fragte auch, weshalb wir uns für Kansai und nicht für Tokio entschieden hätten. Schließlich sei Tokio doch die Hauptstadt!
Ich sagte: „Gerade weil Tokio die Hauptstadt ist, gehen wir nicht dorthin.“
Allzu oft führt eine Hauptstadt schließlich nur dazu, dass man einen höheren Preis bezahlt.
Als mein Gegenüber hörte, dass ich Japanisch lernte, wollte es neugierig wissen, weshalb ich diese Sprache lernen wollte.
Ich sagte damals einen sehr einfachen japanischen Satz, der jedoch so viele Grammatikfehler enthielt, dass mein Gegenüber überhaupt nichts verstand. Deshalb musste ich auf Englisch ergänzen:
Mir ist aufgefallen, dass vielen Japanern der Mut fehlt, Englisch zu sprechen; deshalb möchte ich direkt auf Japanisch mit ihnen kommunizieren.
Die Mimik von Japanern fällt mir manchmal noch immer schwer zu deuten. Sie ist zu fein.
Zufällig hatte ich am selben Tag etwas früher Kontakt zu einem früheren deutschen Kollegen, der inzwischen zu einem japanischen Unternehmen gewechselt war. Er erzählte mir, dass auch der japanische Vorgesetzte ihrer europäischen Niederlassung überhaupt kein Englisch spreche, schriftlich jedoch bereitwillig auf Englisch kommuniziere.
Als er selbst die Unternehmenszentrale in Japan besuchte, sprachen auch die Führungskräfte dort fast kein Englisch. Beinahe die ganze Zeit stand jemand zum Dolmetschen neben ihnen, und alle, die dolmetschten, waren Frauen.
Daraufhin brachte ich diese beiden Dinge miteinander in Verbindung.
Könnte es in Japan eine stillschweigende Vorstellung geben, wonach fließende Fremdsprachenkenntnisse nur Übersetzerinnen und Übersetzer brauchen?
Eine Dienstleistung wie das Übersetzen werde dann ganz selbstverständlich einem bestimmten Geschlecht überlassen?
Als Mann, oder genauer gesagt als Führungskraft, solle man seine Opportunitätskosten lieber in die gründliche Beschäftigung mit dem eigenen Unternehmen oder dem eigenen Fachgebiet investieren als in das Erlernen einer Sprache.
Natürlich habe ich mir diese Logik, oder Ausrede, nur wild zusammengereimt. Sie entspricht nicht zwangsläufig den Tatsachen.
Vielleicht bin ich es einfach überhaupt nicht gewohnt, in der wirklichen Welt gefragt zu werden: Warum willst du Japanisch lernen?
Obwohl wir diesen Satz in der Sprachschule durchaus häufig üben.
Also dachte ich zurück. Damals in Deutschland fragte mich anscheinend niemand, weshalb ich Deutsch lernen wollte. Die Leute wollten wissen: Warum hast du dich dafür entschieden, nach Deutschland zu kommen?
Schließlich gilt es beinahe als selbstverständlich, dass man in Deutschland Deutsch lernen muss.
Wenn ich mich nun in Japan befinde, dort nach neuen Möglichkeiten suche und mir dennoch die Frage begegnet: „Warum lernst du Japanisch?“
Erst dann entsteht in mir dieses starke Gefühl des Unbehagens.
Vielleicht mache ich mir bei alldem auch einfach wieder zu viele Gedanken.

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