Als der Unterricht heute begann, hatte sich die Zusammensetzung der Klasse erwartungsgemäß von Grund auf verändert.
Der Niederländer, der Ungar, die beiden Koreaner und der Türke waren allesamt in fortgeschrittenere Klassen gewechselt.
An ihre Stelle traten vier Männer und zwei Frauen: drei Menschen aus Bangladesch, ein Deutscher, ein Taiwaner und jemand, bei dem ich nicht weiß, aus welchem Land er kommt. Vielleicht ebenfalls aus Bangladesch?
Der neu hinzugekommene deutsche Landsmann sieht älter aus als ich. Kann ich den Titel des ältesten Menschen in der Klasse nun endlich weiterreichen?
Mit den bisherigen Mitschülern hatte ich inzwischen fast zwei Wochen verbracht. Nun kamen plötzlich neue dazu, und schon fühlte sich die Klasse wieder anders an.
Sogar die Lehrkraft, die uns heute unterrichtete, war eine andere als zuvor.
Einige der gebliebenen Mitschüler tuschelten miteinander, weil sie nicht wussten, welche Veränderungen diese neue Zusammensetzung mit sich bringen würde.
Allerdings scheinen die neu hinzugekommenen Mitschüler im mündlichen Ausdruck ausgesprochen gut zu sein.
Könnte das dabei helfen, den Durchschnitt unserer Klasse anzuheben?
In einem Sprachkurs ist meiner Meinung nach ein gutes Lernklima das Allerwichtigste.
Warten wir es ab.
Da neue Mitschüler hinzugekommen waren, mussten außerdem Lehrbücher neu ausgegeben werden, und auch die Besprechung der Hausaufgaben musste auf sie abgestimmt werden. Deshalb kamen wir heute gefühlt langsamer voran, im Unterricht blieb sogar noch Zeit zum Schreiben.
Der Schwerpunkt des heutigen Unterrichts waren jedoch ausgerechnet die transitiven und intransitiven Verben, vor denen ich mich am liebsten drücken würde.
Ach, dem, wovor man fliehen möchte, entkommt man eben doch nicht.
Was auswendig gelernt werden muss, muss man am Ende nun einmal auswendig lernen.
Als ich hörte, wie flüssig die anderen Mitschüler aus Bangladesch antworteten, hatte ich wirklich das Gefühl, dass sie gleich noch eine Stufe weiter aufsteigen könnten ...
Der Mitschüler aus Bangladesch, der vorher neben mir gesessen hatte, setzte sich nun zu einem der neu hinzugekommenen Landsleute. Er schien dadurch glücklicher zu sein.
Wie es der Zufall wollte, war ich am Sonntag ebenfalls dem Trend gefolgt und hatte ein neues Spiel namens „Einer von acht Milliarden“ ausprobiert. Bei meiner virtuellen Wiedergeburt kam heraus, dass ich als Mensch aus Bangladesch zur Welt kam.
Will der Himmel mir damit andeuten, dass mich irgendeine besondere Verbindung mit Bangladesch verbindet?
Wegen des Wechsels in der Klasse mischte ich ganz selbstverständlich auch die Mitglieder der von mir gegründeten WhatsApp-Gruppe neu.
Ich entfernte diejenigen, die nicht mehr in der Klasse waren, und fügte die neuen Mitschüler hinzu.
Daraufhin meldete sich der russische Mitschüler zu Wort: „Neeein, warum entfernst du sie? Sie haben doch nur die Klasse gewechselt, nicht ihre Freunde!“
Ich antwortete nicht.
Gerade weil sie ihre Freunde nicht gewechselt haben, können sie doch auch privat weiterhin miteinander in Kontakt bleiben ...
Außerdem hatte zuvor niemand auf meine Posts reagiert, mit denen ich die anderen zum Mitmachen bewegen wollte. Diese WhatsApp-Gruppe hatte ich damals nur gegründet, um uns über Hausaufgaben und gemeinsame Aktivitäten nach dem Unterricht austauschen zu können.
Wenn das kaltblütig ist, dann bin ich eben kaltblütig. Achselzucken.
Menschen zu managen ist eine Form von Führung. Menschsein ist schwer, Führen ebenso.

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