旅の余白

Ein erwachsener Lernender absolviert vor Tagesanbruch in einer japanisch anmutenden Werkstatt einen Online-Sprachtest; über ihm leuchten drei goldene Münzen, vor ihm führt eine unvollendete Steintreppe weiter

Zwischenstation: 12. September

Zwischen Perfektion und Aufgeben wird ein beinahe verpasster Test zum nächsten kleinen Schritt gegen die Leere – und nach vorn.

»Viel denken und wenig tun« – diesen Zustand kennen vermutlich viele. Ich selbst bin ein lebendes Beispiel dafür. Träume scheitern nicht daran, dass sie zu groß oder zu fern wären, sondern daran, dass unsere Füße den ersten Schritt einfach nicht machen. Manchmal kommen wir nicht los, weil wir nicht wissen, welchen Sinn dieser Weg überhaupt haben soll; zumindest geht es mir oft so. Und manchmal möchten wir auf halber Strecke – oder noch nicht einmal dort – alles hinwerfen, weil wir es »nicht perfekt schaffen«.

So war es auch mit den Geschichten des Dark Wings Universe. Jahrelang wollte ich sie schreiben und wusste doch nicht, welchen Sinn es haben sollte, sie zu Papier zu bringen. Die Vorstellung, J. K. Rowling oder ein anderer kommerziell erfolgreicher Schriftsteller zu werden, war vollkommen unrealistisch. Soll Schreiben der eigenen Freude dienen oder den Lebensunterhalt sichern? Zumindest in der Welt vor der KI war die Frage, wie ein Mensch leben sollte, nicht nur ein metaphysisches und philosophisches Problem, sondern auch eine ganz physische Frage des Überlebens. In gewisser Hinsicht freue ich mich auf die Zukunft, die der verrückte Visionär Elon Musk für die Menschheit entwirft: eine Zukunft, in der Menschen von mühsamer Arbeit befreit sind und sich ihrer Selbstverwirklichung widmen können.

Doch vielleicht beginnen so viele Dinge gerade deshalb nie, weil wir uns schon im Voraus ein Ende ausgemalt oder sogar vorausgesehen haben – und dieses Ende uns nicht gefällt. Aus Verlustangst sagen wir uns: Dann eben nicht. Wenn wir nichts tun, können wir weder enttäuscht noch verletzt werden. Manchmal übertrage ich diese Logik auf den festgefahrenen Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Angenommen, die Ukraine unterläge schließlich aus Erschöpfung und Russland erränge einen vollständigen Sieg: Würde das bedeuten, Selenskyj hätte bei Kriegsbeginn sein Land im Stich lassen und fliehen sollen, um die grausamen Opfer zu verhindern? Hätte die Wiener Akademie der bildenden Künste Hitler damals aufnehmen sollen, damit Europa einen mittelmäßigen Maler mehr, dafür aber einen Führer weniger bekommen hätte? Die Geschichte kennt kein »Was wäre, wenn«, und im Leben weiß man nie im Voraus, was kommt. Vielleicht waren es gerade solche Überlegungen, die das Dark Wings Universe zu einer Geschichte machten, die von ihrem Ende her erzählt wird. Eine mächtige Dynastie wird am Ende fallen; auch eine von Wunden gezeichnete Beziehung wird eines Tages vergehen.

Um dem Nihilismus etwas entgegenzusetzen, sollten Erfolg und Scheitern nicht im Mittelpunkt stehen. Entscheidend ist, was wir auf dem Weg getan, welche Prüfungen wir durchgestanden und welche Entscheidungen wir getroffen haben. In einer Zeit, in der KI Antworten in allen möglichen Formen erzeugen kann, die schneller, richtiger und vollkommener erscheinen, lernen wir, um besser denken zu können – nicht bloß, um bessere Noten zu bekommen.

Am 12. September absolvierte ich in den letzten Stunden vor Ende der Frist noch schnell den Online-Test der Sprachschule. Beim Hörverstehen verstand ich fast nichts. Texte ohne Kanji, die nur aus Kana bestanden, las ich quälend langsam und mühsam. Die Grammatik, die ich einmal gelernt hatte, fiel mir nicht mehr ein. Ich empfand nur Scham.

Doch ich sagte mir: Weiter. Weiter, ganz langsam.

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